Ausgangsidee
Bier in der Weimarer Republik
Die Epoche ist für eine Untersuchung des Biers gut geeignet. Ihre besondere Bedeutung liegt jedoch nicht in einem nachweislich außergewöhnlich hohen Bierverbrauch. Aussagekräftiger ist das Zusammentreffen von Biersteuer und Föderalismus, industrieller Interessenpolitik, wirtschaftlichen Krisen und einer zunehmend gewaltsamen politischen Öffentlichkeit in Gaststätten und Bierhallen.
Der Titel bezeichnet deshalb zunächst ein Themenfeld und noch keine Forschungsfrage.
Besonders ergiebige Zugänge
Biersteuer, Föderalismus und Republiktreue
Mit der Reichsfinanzreform verlor Bayern 1919 sein Reservatrecht an der Biersteuer. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte diese einen erheblichen Anteil der bayerischen Staatseinnahmen ausgemacht. Der Übergang zur Reichssteuer wurde daher nicht nur als finanzielle Einbuße, sondern als Verlust bayerischer Eigenstaatlichkeit verhandelt. Die geplante Steuererhöhung im Umfeld des Young-Plans verschärfte 1929/30 den Konflikt zwischen Bayerischer Volkspartei und Reichsregierung.
Mögliche Forschungsfragen:
Wie wurde die Biersteuer zwischen 1919 und 1930 zum Symbol des Konflikts zwischen Bayern und der Weimarer Republik?
Ging es bei der bayerischen Biersteuer nur ums Geld – oder auch um politische Eigenständigkeit und die Ablehnung der Republik?
Dieser Zugriff ist am deutlichsten an die besonderen politischen Strukturen der Weimarer Republik gebunden. Zentrale Einstiege sind Robert Shea Terrell und Patrick Henßler.
Wirtshäuser und Bierhallen als politische Machtorte
Gaststätten dienten Parteien und Verbänden als Versammlungs-, Kommunikations- und Organisationsräume. Arbeiterkneipen konnten sozialistische und antifaschistische Stützpunkte werden. Gleichzeitig nutzte die frühe NSDAP Münchner Bierhallen zur Massenmobilisierung, zum gewaltsamen Ausschluss politischer Gegner und zur Verbindung von Partei und SA. In der späten Republik waren auch kleinere politische Veranstaltungen in Gaststätten häufig Schauplätze von Gewalt.
Mögliche Forschungsfragen:
Wem gehörte das Wirtshaus? Der Kampf um politische Versammlungsräume in [Ort] während der Weimarer Republik.
Vom Arbeiterlokal zum Sturmlokal: Wie Gaststätten in [Ort] zu politischen Machtzentren wurden.
Dieser Zugang ist besonders gut für eine lokale Wettbewerbsarbeit geeignet. Einschlägig sind Mareen Heying, Terrell und Johnson sowie die zeitgenössischen Berichte über politische Gewalt von 1931.
Öffentlichkeitsarbeit der Brauwirtschaft
Nach dem Ersten Weltkrieg stand die Brauwirtschaft wegen Rohstoffverbrauch, Alkoholfolgen und ihrer wirtschaftlichen Interessen in der Kritik. Der Deutsche Brauer-Bund reagierte mit bezahlten Presseartikeln, Ausstellungen, Werbefilmen und Behauptungen über den Nährwert des Biers. Bier wurde als „flüssiges Brot“, Volksgetränk und öffentliches Gut dargestellt.
Mögliche Forschungsfrage:
„Flüssiges Brot“ oder schädlicher Alkohol? Wie die Brauwirtschaft in der Weimarer Republik um das Bild des Biers kämpfte.
Der Zugriff ist originell und mediengeschichtlich ergiebig, setzt aber einen greifbaren Bestand an Anzeigen, Plakaten, Filmen oder Fachzeitschriften voraus. Ausgangspunkt ist Sina Fabians Untersuchung zur Öffentlichkeitsarbeit.
Brauereien zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise
Reichsstatistik und Unternehmensquellen erlauben es, Bierausstoß, Betriebszahlen, Rohstoffe, Steueraufkommen und Konzentrationsprozesse zu verfolgen. Eine örtliche Brauerei könnte als Fallstudie für Inflation, Rationalisierung und Weltwirtschaftskrise dienen.
Mögliche Forschungsfrage:
Zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise: Wie überlebte die Brauerei [Name] die Weimarer Republik?
Hierfür sind Statistische Jahrbücher, Geschäftsberichte, lokale Presse und Unternehmensakten zu verbinden.
Vorläufige Bewertung
- Biersteuer und bayerischer Föderalismus ist am spezifischsten für die Weimarer Republik und besitzt die stärkste überregionale These.
- Wirtshäuser als umkämpfte politische Räume ist wahrscheinlich am besten lokal erforschbar.
- Lobbyismus und Werbung ist besonders originell, verlangt aber geeignete Branchen- oder Bildquellen.
- Eine örtliche Brauerei in den Wirtschaftskrisen ist tragfähig, wenn eine geschlossene Firmenüberlieferung vorhanden ist.
Für den Geschichtswettbewerb sollte die endgültige Wahl von erreichbaren lokalen Quellen abhängen. Gaststättenkonzessionen, Versammlungs- und Polizeiakten, politische Plakate, Adressbücher, Lokalzeitungen und Brauereiakten sind besonders aussichtsreich.
Die Forschungsliteratur und digitalen Quellensammlungen sind unter Quellen zur Braugeschichte einzeln erschlossen.