Ausgangsidee

Bier als Machtinstrument: Wie Bier eingesetzt wurde, um Macht zu erlangen, zu erhalten und auszubauen.

Die Idee passt sehr gut zum Thema des Geschichtswettbewerbs „Über den Tellerrand. Essen und Trinken in der Geschichte“. Bier verbindet Alltags-, Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte. In seiner ursprünglichen Form ist das Thema jedoch zu groß und die These zu stark vorweggenommen: Nicht Bier handelt, sondern Obrigkeiten, Stadträte, Brauer, Unternehmer, Wirte, Parteien, Gewerkschaften und Konsumenten.

Präzisere Leitfrage

Wer verfügte über das Bier – und wie wurden durch Braurechte, Steuern, Preise und Konsum gesellschaftliche Machtverhältnisse geschaffen oder bestritten?

Diese offene Frage erfasst nicht nur Herrschaft, sondern auch Gegenmacht: Bierkrawalle, Boykotte, illegales Brauen, Schmuggel oder die Weigerung, bestimmte Biere zu trinken.

Mögliche Zugänge

Vom Braurecht zur Industriebrauerei, etwa 1750–1900

Arbeitstitel: Vom Privileg zum Großbetrieb: Wer beherrschte das Bier in [Ort]?

Zu untersuchen wären die Bindung des Braurechts an Bürgerrecht, Hausbesitz oder Zunft, Einfuhrverbote und Bierzwang, Steuern und Konzessionen sowie der Wandel durch Gewerbefreiheit, Eisenbahn, Kältetechnik und Aktienbrauereien. Der Zugriff verbindet Frühe Neuzeit und Industrialisierung und eignet sich besonders für eine lokale Fallstudie.

Berliner Bierboykott 1894

Arbeitstitel: Kein Tropfen Ringbier! Konsum als Machtmittel im Berliner Bierboykott von 1894.

Der Konflikt zwischen dem Berliner Brauereiring, Beschäftigten, SPD, Gewerkschaften, Wirten und Konsumenten zeigt besonders deutlich wirtschaftliche Macht und organisierte Gegenmacht. Der Konsumverzicht wurde zum Arbeitskampfmittel. Wegen der sehr guten Quellenlage eignet sich der Fall besonders für einen Berliner Bezug oder als Vergleichsfall.

Bierpreis und sozialer Protest

Arbeitstitel: „Mir wolle Batzebier!“ Bierpreis, Protest und staatliche Gewalt in Frankfurt 1873.

Mögliche Fälle sind die Münchner „Bierrevolution“ von 1844, süddeutsche Bierunruhen und der Frankfurter Bierkrawall von 1873. Im Mittelpunkt steht die Frage, wann eine Auseinandersetzung um ein alltägliches Konsumgut zum sozialen oder politischen Protest wurde.

Das Wirtshaus als politischer Raum

Arbeitstitel: Freier politischer Raum oder kontrollierter Ausschank? Das Wirtshaus in [Ort] zwischen Geselligkeit und Herrschaft.

Untersucht werden können politische Vereine und Versammlungen, Konzessionen, Polizeistunden, Saalsperren, die Abhängigkeit der Wirte von Brauereien und der Zugang verschiedener sozialer Gruppen zum Wirtshaus.

Vorläufige Empfehlung

Die Epoche sollte erst nach einer Prüfung der lokalen Quellen festgelegt werden. Besonders tragfähig erscheint:

Wer verfügt über das Bier? Braurecht, Bierpreis und wirtschaftliche Macht in [Ort], ca. 1750–1900.

Ein einzelner gut dokumentierter Konflikt oder ein Wandel über zwanzig bis fünfzig Jahre dürfte für den Wettbewerb stärker sein als ein Überblick über mehrere Jahrhunderte.

Nächste Schritte

  1. Zur Industrialisierung zunächst Teich, Roberts und den Forschungsüberblick von Spiekermann lesen.
  2. Mit Tlusty und Kümin die frühneuzeitliche Alternative prüfen.
  3. Im zuständigen Stadt- oder Kreisarchiv nach Brauordnungen, Steuerakten, Konzessionen, Firmenüberlieferung, Polizeiakten und lokalen Zeitungen fragen.
  4. Forschungsfrage und Zeitraum anhand eines tatsächlich vorhandenen Quellenkorpus zuschneiden.

Die bibliographischen Einzelnotizen stehen unter Quellen zur Braugeschichte.